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Für diese Reportage war der Autor für
den Egon-Erwin-Kisch-Preis 2010 vornominiert.
Die
Opokus von nebenan
Eine
Familie aus Ghana: Der Vater putzt in der Hamburger Oper, die Mutter
in einem Einkaufszentrum. Ihre vier Söhne sollen es in Deutschland
einmal besser haben. Deshalb tun die Eltern etwas, was kein Nachbar
begreift: Sie schicken ihre Kinder auf eine Privatschule.
Von
Henning Sußebach, DIE ZEIT, 7.5.2009
Da ist ein Mann
auf seinem Weg zur Arbeit, wie leicht kann man ihn übersehen. Es ist
noch dunkel, kurz nach vier, als er mit bedächtigen Schritten die
Treppen zum U-Bahnhof Rauhes Haus hinabsteigt. Die Sohlen seiner
Turnschuhe quietschen leise auf den Kacheln, auf dem Bahnsteig in
Richtung Innenstadt stellt er seine Tasche ab. Er trägt eine dunkle
Lederjacke und eine schwarze Jogginghose. Seine Schirmmütze ist tief
in die Stirn gezogen, fast wie ein Visier. Nichts Auffälliges ist an
ihm. Bis auf seine schwarze Haut.
Samuel Kwasi
Opoku, geboren am 25. Januar 1948 in Ghana, ein kräftiger, nicht
sehr großer Mann vom Stamme der Ashanti, betritt diesen Bahnhof im
Hamburger Osten als Nachtgestalt. Wie ein stummer Alltagskomparse
steht er am Gleis und wartet. Allein mit sich und seinen Gedanken,
die in der Bleischwere einer ausklingenden Nacht immer zweifelnder
sind als später, am Tag, wenn die Hektik seine Fragen erstickt. Ist
das, was er hier tut, das, was er tun wollte? Und was werden seine
Söhne machen, wenn sie einmal erwachsen sind?
Wer einen
Doktortitel hat, der ist oben. So sieht Samuel Opoku die Welt
Im Fernsehen hört
Samuel Opoku die deutschen Politiker manchmal von »Integration«
reden. Vor allem, wenn Kinder im Alter seiner Söhne wieder Mist
gebaut haben. Aber was erwarten diese Politiker von ihm, von Samuel
Opoku? Vor 27 Jahren ist er in Hamburg angekommen, fast ebenso lange
stellt er sich diese Fragen. Nur kann sie niemand hören, weil Samuel
Opoku sie niemals ausspricht. Sein Deutsch ist immer noch zu
schlecht.
Der Zug fährt
ein und nimmt ihn mit zum Jungfernstieg, aus dem rauen Stadtteil Horn
in Hamburgs feine Mitte. Es ist fünf Uhr, als Samuel Opoku im Keller
der Hamburgischen Staatsoper Eimer, Mülltüten und Duftreiniger auf
einen Putzwagen stapelt und noch einige Lappen dazu, blaue für die
Tische, rote für die Toiletten.
Es wird dann
sechs, als auch seine Frau Mavis, schwarz wie Samuel, die kleine
Mietwohnung in Hamburg-Horn verlässt, um Raphael, den Zweijährigen,
zum Kindergarten zu bringen. Ehe dann auch sie zu putzen anfängt, in
einem Einkaufszentrum nah der Alster.
Es wird dann
sieben, wenn im Flur derselben Wohnung das Telefon klingelt, weil die
Opokus Tag für Tag mit einem Anruf von der Arbeit ihre drei älteren
Söhne wecken, Godwin, Winfried und Felix, den Großen, der dann
seinen MP3-Player anstellt, um beim Zähneputzen Rap von P. Diddy zu
hören, während Godwin und Winfried aus ihrem Etagenbett klettern
und sich Hosen, T-Shirts und Pullover suchen in einem Zuhause, das
auf den ersten Blick nichts als Unordnung und Enge ist. Wo Handtücher
über Türen trocknen, auf dem Boden Wäsche liegt und sich Schuhe
stapeln, überall.
Es wird dann
acht, wenn die drei Jungen das Treppenhaus hinunterhasten, vorbei an
den Klingelschildern der Pinis, Sahins, Singhs, vorbei an der
Aldi-Filiale, über die vierspurige Horner Landstraße und hinauf zur
Schule in den stillen Horner Weg. Es gibt dort zwei: die Gesamtschule
mit 70 Prozent Ausländeranteil. Und die Schule der Opoku-Kinder: die
Wichern-Schule mit etwas mehr als 20 Prozent Ausländeranteil. Mit
1500 Schülern ist sie die größte evangelische Privatschule in
Norddeutschland.
Der Vater putzt
seit drei Stunden, wenn seine Söhne dort, oft etwas zu spät, an
ihre Pulte stürzen. Winfried, der Zweitklässler. Godwin, der
Sechstklässler. Und Felix, der Zehntklässler, der ins backsteinerne
Paulinum hetzt, einen kirchenartigen Schulbau aus der Kaiserzeit, an
dessen Portal die Namen früherer Abiturienten in Messing gefräst
sind.
Samuel Opoku
hofft, dass diese Schule eine Antwort ist auf jene Fragen, die ihm
durch den Kopf gehen. Dass ihr Portal das Tor wird, durch das seine
Kinder es nach Deutschland schaffen. Söhne eines putzenden
Afrikaners, aus denen Juristen oder Wirtschaftswissenschaftler
werden. Am liebsten aber Ärzte. »Doctors«
, dieses Wort intoniert Samuel Opoku voller Ehrfurcht. Wer Arzt ist,
ist oben. Deshalb wolle er, dass sie lernen. Damit sie nicht tun
müssen, was er tut. Damit sie nicht werden, was er ist. In Samuel
Opokus Worten heißt das: »I
tell them to study hard. To have a better life.«
Felix, geboren am
27. März 1993 in Hamburg, sitzt in der Schule in der ersten Reihe
links außen. Ein stiller Junge mit Kapuzenpulli und weißen
Turnschuhen. Er ist groß und schmal, in seinen dunklen Augen liegt
etwas Suchendes. Und in seinen Zügen kündigt sich eine Ähnlichkeit
zum Vater an.
Der älteste Sohn
geht aufs Gymnasium – er darf keine Freundin haben
Im Paulinum
stehen neun Stunden an. In Raum P.05 sortieren 21 Schülerinnen und
Schüler ihre Taschen und sich selbst. Die Pubertät hat den Jungen
die Stimmen aufgeraut und die Mädchen plötzlich zu Frauen geformt.
Manchmal werfen die Jungen befangene Blicke. Die zehnte Klasse ist
eine Schicksalsstufe. Kinder verwandeln sich in Erwachsene. Und mit
dem nächsten Zeugnis entscheidet sich, welchen Weg sie nehmen, ob
sie den Sprung in die Oberstufe schaffen, zum Abitur. Eine Arbeit
folgt der nächsten, Englisch, Deutsch, Französisch, Mathematik.
Vorn an der Tafel steht Victor Rengstorf, der Klassenlehrer, in Jeans
und dunklem Sakko. 30 Jahre in der Schule haben seine Stimme
geschliffen, wie ein Messer durchschneidet sie das Gemurmel der
Schüler. »Können wir jetzt anfangen?« Es ist mehr Feststellung
als Frage. Die Religionsstunde beginnt.
Es geht um
Ostern, um die Auferstehung Jesu und die Vorstellungen der Christen
von einem Leben nach dem Tod. Es sind meist Mädchen, die sich
melden. Die Jungen verbringen die Stunde hinter verschränkten Armen.
Rengstorf spricht den Test durch, den er vorige Woche hat schreiben
lassen. Worin
unterscheidet sich die älteste Auferstehungsgeschichte, die des
Paulus, von den späteren? Alle vier Evangelisten schildern die
Auferstehung – worin sind sich alle einig? Was war das Fischwunder?
Wie stellt sich Matthäus das Jüngste Gericht vor? Nach welchen
Kriterien kommt der Mensch laut Matthäus in den Himmel?
»Der
unglaubliche Thomas, lieber Max, ist übrigens der ungläubige
Thomas«, sagt Rengstorf.
Unter Gelächter
gibt er die Tests zurück. In der Klasse erhebt sich »Und was hast
du?«-Geschnatter. Felix hat eine Drei minus. Er lächelt seine
Enttäuschung weg. Dann dreht er das Blatt um.
In den Reden der
Politiker sind die Opokus »Menschen mit Migrationshintergrund«.
Sechs von 15 Millionen. Sie machen fast 20 Prozent der in Deutschland
lebenden Menschen aus und bekommen ein Drittel aller Kinder. Eine
Minderheit kann man sie nicht mehr nennen, zur Mitte der Gesellschaft
gehören sie trotzdem nicht: Sie sind fast doppelt so oft arbeitslos
wie Deutsche, ihre Kinder verlassen die Schulen häufig ohne
Abschluss. Und hinter den Debatten um Drogendealer und Ehrenmorde
sind ihre Lebensgeschichten oft vergessen worden.
Es war 1982, im
Sommer, als sich Samuel Opoku im Hamburger Hafen von einem
Kakaofrachter stahl, weil er teilhaben wollte an dem Reichtum, den er
so oft aus Afrika in alle Welt gefahren hatte. Und weil das Wort
»Deutschland« für ihn nach Wohlstand klang, ging er hier von Bord.
Er lief in die Stadt mit nichts als einem Hemd, einer Hose und seiner
Zuversicht: Samuel Opoku, frommer Sohn eines Goldschmieds, Bruder von
neun Geschwistern, plante einen Sturmlauf in den reichen Norden –
und nach wenigen Jahren eine triumphale Rückkehr, mit Geld für
einen Supermarkt zu Hause in Berekum.
Es ist nicht so
gekommen. Bis heute gehört Samuel Opoku zum unsichtbaren
Servicepersonal der Stadt, gemeinsam mit Tatjana aus der Ukraine,
Folly aus Togo und Dionisia aus Venezuela putzt er die Oper, fegt den
Orchestergraben, wischt den Ballettsaal, saugt die Samtsessel im
Zuschauerraum. Wenn er sich allein wähnt in den Fluren, befeuert er
sich mit Kirchenliedern: »On
the mountain, in the valley, on the land and in the seas –
hallelujah, the lord is mine.«
Samuel Opoku singt mit vollem Bariton, er gießt Wasser aufs Linoleum
und verteilt es mit dem Mopp, in engen Kreisen, nah am Körper, immer
aufrecht, damit abends der Rücken nicht schmerzt. Sein Putzen sieht
aus, als tanze er auf einem Spiegel. Seine Arme, stark und sehnig,
künden noch von seiner Jugend. Seine Hände sind rissig von Wasser
und Seife, Müdigkeit hat seine Augen verschattet. Er ist jetzt 61
Jahre alt.
Sieht er im
Spiegelbild den, zu dem er werden wollte?
Samuel Opoku hat
lange über seine Antwort nachgedacht. Er hat mit seiner Frau und
seinen Söhne beratschlagt, ob die Öffentlichkeit ihre Geschichte
hören soll. Er hat die Anteile von Stolz und Scham in seinem Leben
abgewogen. Und er hat dann zugestimmt, vielleicht auch aus der
Überraschung, dass sich nach 27 Jahren jemand für ihn interessiert.
Doch in seiner warmen Stimme, die zwischen Deutsch und Englisch
mäandert, schwingt kein Groll mit, sondern die Ergebenheit eines
Mannes, der sich damit abgefunden hat, dass aus seinem Sturmlauf ein
Alltag voller Trippelschritte wurde.
Samuel Opoku kann
sich heute noch wundern über das Land, dem er damals seine Zukunft
anvertraut hat: Hier laufen Menschen und Hunde, mit Leinen verbunden,
durch die Straßen. Hier geben Kinder ihre eigenen Eltern in
sogenannte Altersheime; das erzählten ihm sehr bald andere Ghanaer,
die dort Teller sauber kratzten und Matratzen wendeten. Hier rennen
die Menschen zu den Haltestellen – und ärgern sich dann, dass der
Bus noch nicht da ist. Samuel Opoku kommt immer wieder ein Sprichwort
aus seiner Heimat in den Sinn: »Ihr Europäer habt die Uhren, wir
Afrikaner haben die Zeit.«
Und er staunt
noch heute über die Stille überall, auf den Straßen, in den Läden,
in den Zügen. Darüber, dass die Deutschen seinen Blicken
ausweichen. Und nicht nur seinen, »sie haben ja sogar Angst,
miteinander zu reden«. Ihre Kneipen haben Vorhänge aus Leder. Ihre
Gärten sind den Straßen abgewandt. Nach acht Uhr sind ihre Städte
leer, dann flackert hinter den Gardinen das kalte Licht der
Fernseher. Und als Samuel Opoku seine Söhne zum Aschenplatz des
Horner TV brachte, weil Deutschsein doch vor allem Fußballspielen
heißt, waren da fast nur Türken, Russen und Kroaten.
Er war in ein
sprachloses Land geraten, wie sollte er da reden lernen? Außerdem
musste er doch arbeiten. Und auch bei seiner Arbeit sind ja keine
Deutschen, sondern nur Tatjana, Folly und Dionisia.
So sieht es
Samuel Opoku, der die Deutschen bis heute eigentlich nur über den
Müll kennt, den sie fallen lassen und den er wieder aufhebt, bei
Schuhe Görtz und Brille Fielmann, in den Büros der Volksfürsorge
und in der Oper. Er kennt ihre Brillen, die sie auf den
Schreibtischen vergessen, ihre Mäntel, die sie in Garderoben hängen
lassen, und ihre Liebe zu Laugenbrezeln, die ihn verzweifeln lässt:
all die Körner und Krümel, die er Nacht für Nacht aus den
Teppichen der Oper kratzt.
Doch Samuel Opoku
hat vor Jahren schon begriffen, dass es für die Familie eines
Einwanderers nur einen Weg gibt, um wirklich nach Deutschland zu
gelangen, in die Logenplätze der Theater, in die Gärten hinter den
Häusern, an die Schreibtische in den Büros. Einen Weg, auf dem
seine Söhne jetzt die Schritte machen sollen, die ihm nicht gelungen
sind. Den Weg, der zur Bildung führt. »The
little that I know, I have to give it to them«
, sagt Samuel Opoku tief im Bauch der Oper.
»Das wusste ich
noch gar nicht.« Diesen Satz sagt Felix ziemlich oft, seit sein
Vater sich entschlossen hat, aus seinem Leben zu berichten. Es ist,
als habe sich ein tiefer Spalt geöffnet. Ein Schiff? Seine Eltern
erzählen ja nicht einmal von ihrer Arbeit. Nur manchmal hört Felix
sie abends miteinander reden, leise, auf Twi, in ihrer Muttersprache.
Daher weiß er, dass ihnen der Rücken schmerzt, die Arme, die
Gelenke. Aber sein Vater – ein Abenteurer, der vom Schiff ging? Die
Söhne wussten nichts von dem Moment im Hafen, in dem ihr Vater
Schicksal spielte, auch für sie. Der Vater hat es nie erzählt, die
Söhne haben nie gefragt. Als sei keine Zeit für einen Blick zurück
gewesen, alles immer nur ein Vorwärts in eine bessere Zukunft.
Samuel Opoku aus
der Sicht seines ältesten Sohnes: Das ist ein Vater, hinter dessen
Strenge Felix erst allmählich die Fürsorge erkennt. »Er will
immer, dass wir alles richtig machen.« Deshalb holt der Vater nach
der Arbeit Die
Wilden Fußball-Kerle
aus der Stadtbücherei und bittet seine Kinder zum Diktat. Deshalb
lässt er sich die Hausaufgaben zeigen, Abhandlungen zum Sandmann
von E.T.A. Hoffmann, die er kaum versteht. Deshalb sollen sie mit ihm
Schach spielen und dürfen nur am Wochenende an die Playstation.
Deshalb darf Felix, der 16-Jährige, erst eine Freundin haben, wenn
das Abitur geschafft ist. Deshalb sollen sich die Söhne fernhalten
von all den Ausländern in Horn, denn, so sagt der Vater seinen
Söhnen, »zu viele Ausländer machen zu viel Scheiße«. Deshalb ist
Samuel Opoku aus gleich zwei Gründen froh, dass Felix der einzige
Schwarze in Klasse 10 G4 der Wichern-Schule ist: Es macht ihn stolz.
Und es erleichtert ihn.
Der
Psychotherapeut spricht von einem Stadtteil »voller Angst und
Depression«
Nun hat Felix
diese Drei in Religion, ausgerechnet Religion. Auf seinem
Halbjahreszeugnis hatte er in Biologie und Französisch eine Fünf.
Er ist ins Wanken geraten. Er darf jetzt nicht auf die falsche Seite
kippen.
Felix hat von
seinem Vater gelernt, dass alles aus zwei Hälften besteht, »right«
und »wrong«
, »good«
und »bad«
. Sogar mit Hamburg ist das so. Es ist, als verlaufe eine
gesellschaftliche Wasserscheide durch die Stadt: Die Reicheren fahren
vom Hauptbahnhof aus nach Westen, nach Rotherbaum, Othmarschen und
Blankenese. Die Ärmeren fahren nach Osten, nach Billstedt,
Mümmelmannsberg und Horn.
Die Geschäfte
hier haben freudlose Namen, Biershop, Änderungsstube, Bakir
Allgemeine Zeitarbeit. Nur Sein, kein Schein. Horn ist kein Viertel,
in dem es für Neugeborene T-Shirts mit dem Aufdruck »Abi 2027«
gibt. Samuel Opoku lebt hier, weil die Wohnungen billig sind. Der
Preis, den er dafür zahlt, ist die Sorge um seine Söhne in diesem
Meer von Menschen.
In der
angejahrten Gesamtschule kleben an den Toilettentüren Plakate mit
Notrufnummern für »Opfer von häuslicher Gewalt und Zwangsheirat«.
Pro Familia bietet Sexualkunde für muslimische Mädchen an, zur
Schulzeit, damit ihre Väter nichts davon erfahren.
In einer kleinen
Praxis an der Washingtonallee erzählt Erich Schröder, Allgemeinarzt
und Psychotherapeut, von einem Stadtteil »voller Angst und
Depression«, in dem er seinen Patienten manchmal jede Zuversicht
entgleiten sieht. Er lernt sie als junge Familien kennen, »Türken
und Farbige voller Begeisterung für ihre Kinder, alles an ihnen
sagt: So wie du bist, bist du in Ordnung.« Die Deutschen im Viertel
hingegen, unter ihnen viele mit Alkoholproblemen, vermitteln den
Kleinen das Gegenteil: »Du bist lästig.« Aber wenige Jahre später,
sagt Schröder, sitzen die türkischen und afrikanischen Eltern »mit
Schmerzen im Bewegungsapparat« in seinem Wartezimmer. Ihre Kinder,
vor allem die jungen Türken, kommen mit Kopf- und Bauchschmerzen,
»typischen Präsentiersymptomen«, hinter denen Schröder pure Angst
diagnostiziert: vor den Vätern, vor der eigenen Schwäche. Und die
Afrikaner, das liest er aus ihren Blutproben, »rauchen Haschisch wie
die Teufel«.
Im Polizeirevier
Billstedt, das auch für Horn zuständig ist, sagt dem
Dienststellenleiter Kondoch seine Erfahrung, dass für die Kinder in
den Straßen ein Messer eigentlich keine Waffe mehr ist, sondern
»allgemeines Statussymbol«. Dass bei manchen Schlägereien niemand
mehr einschreitet, weil die Jugendlichen lieber alles mit ihren
Handys filmen. Und dass seine Kollegen im Polizeicomputer
mittlerweile phonetisch nach Namen suchen können, weil kein
Deutscher mehr weiß, wie sich all die Schläger, Dealer und
Ladendiebe schreiben, nach denen sie gerade fahnden. Mit 33.000
Einsätzen im Jahr ist das Polizeikommissariat 42 die einsatzstärkste
Dienststelle in Hamburg. In der Asservatenkammer liegen Messer,
Axtstiele, Hantelstangen, Schraubenzieher, Zangen, Hockeyschläger –
fast alles, womit man einander fertigmachen kann.
In der
Kindertagesstätte Blostwiete, einem unscheinbaren Bungalow zwischen
Mietshausriegeln, erzählt die Erzieherin Marina Buske, wie oft ihr
Eltern sagen, sie hätten keine fünf Euro für einen Ausflug. Und
dass andere diese fünf Euro in Raten abzahlen. »Bitte und Danke
sagen, den anderen ausreden lassen, montags nicht das Wrestling
nachspielen, das sie sonntags im Fernsehen gesehen haben«, dieses
»Hinterhererziehen« sei Alltag in Hamburg-Horn. Kinder, die mühsam
lernen müssen, mit einer Gabel zu essen. Und die sich fürchten in
der Stille eines Museums.
Marina Buske weiß
noch, wie 1993 das Ehepaar Opoku vor ihr stand. Vater und Mutter, in
ihren Armen ein Kind namens Felix, in den Augen Zuversicht und
Vertrauen, wie es selten geworden ist in Horn. Beide Opokus gingen
putzen. Die Mutter brachte Felix ganz früh, »noch halb schlafend«,
der Vater holte ihn nachmittags wieder ab. Einmal, als der Vater
warten musste auf seinen Sohn, ist er dabei eingenickt.
Marina Buske
erinnert sich an Felix als ein Kindergartenkind, das die Geschichten
aus der Bibel kannte und Schach spielen konnte, das Streit aus dem
Weg ging und sich vor seinem eigenen Blut fürchtete, aber erzählte,
sein Vater wolle, dass es Arzt werde. Manchmal lieh sie Felix
Spielsachen, die er mochte und für die aber das Geld zu Hause nicht
reichte. Zu den Weihnachtsfeiern erschien der Junge im Anzug.
Für die
Erzieherin waren das alles Gründe, sich zu freuen. Und sich Sorgen
zu machen. Felix erschien ihr »zu ergeben« für ein Leben in Horn.
»Er wäre nie auf die Idee gekommen, mal in den Bonbontopf zu
greifen.« Sie fürchtete, dass Felix nicht robust genug sein würde
für die Gesamtschule. Er würde zerbrechen, wie so viele. Wie könnte
sie Felix helfen, über die Zeit im Kindergarten hinaus? Marina Buske
dachte an die Schule ihrer eigenen Kinder, die Wichern-Schule, in der
die Religion »der Mittelpunkt des Lebens« sei. »Ich dachte, das
passt.«
Samuel Opoku
hatte noch nie etwas gehört von dieser »Wichern-Schule«. Doch Frau
Buske, an die er sich so gut erinnert wie sie sich an ihn, erzählte
Samuel Opoku vom »aktiven evangelischen Leben« dort, von der
Schulpastorin und den wöchentlichen Andachten.
Endlich war da
etwas, das Samuel Opoku bekannt vorkam. Eine Schnittmenge zwischen
ihm und Deutschland, das ihm bis dahin als Land ohne Eigenschaften
erschienen war.
Die
Wichern-Schule liegt in Horn wie eine Insel der Hoffnung oder wie
eine elitäre Unverschämtheit – je nach ideologischer Sicht der
Dinge. Schon ihre Lage in einem Park unter hohen, alten Bäumen hebt
sie aus dem Grau des Stadtviertels heraus. Kleine Reetdachhäuser,
das himmelstürmende Paulinum und schlichte Nachkriegsbauten fügen
sich zu einem Campus, aus dem sich Entstehen und Wachsen der Schule
ablesen lassen. Horn lag noch vor den Toren Hamburgs, als der
Theologe Johann Hinrich Wichern hier 1833 das Rauhe Haus gründete,
ein Rettungsdorf für verwahrloste Kinder eines neuen
Stadtproletariats. 1874 wurde das Paulinum eingeweiht, bis heute Kern
der Schule, die jedes Jahr Reisegruppen nach Taizé schickt und alle
Zehntklässler zu einem sozialen Praktikum in Altersheimen,
Suppenküchen, Krankenhäusern verpflichtet. Jüngere Schüler
bekommen ältere Schüler als Tutoren zur Seite gestellt. In der
Oberstufe heißt der Leistungskurs Geografie »System Erde –
Mensch« und der Leistungskurs Biologie »Mensch – Natur –
Forschung«. Das klingt weich, doch die Lehrer hier gelten als streng
und fordernd.
»Man soll keine
Fünf haben«, sagt Felix Opoku, als sei es das elfte Gebot
Die
Wichern-Schule und die Gesamtschule in Horn sind nur durch den
schmalen Horner Weg getrennt, der wie eine Demarkationslinie zwischen
zwei Schülerschaften und zwei Bildungskonzepten verläuft. Es gibt
hin und wieder Prügeleien, die immer die Gesamtschüler gewinnen.
Wie auch die regelmäßigen Fußballspiele. Dem Direktor der
Gesamtschule fällt es leicht, seine Schüler ansonsten als
schuldlose Verlierer zu beschreiben, als Opfer eines ärgerlichen
Systemkampfes. Die Schule auf der anderen Seite der Straße sei eben
privat. Eine, die sich die besten Kinder aussuchen könne. Und die
anderen sich selbst überlasse.
Privatschule. Für
Samuel Opoku klang das anfangs unerreichbar fern. Aber er hat bald
gemerkt, dass das Wort »privat« eine Täuschung ist. Die Schule
seiner Söhne ist keine Schule für die Reichen, denn die Reichen
scheuen dieses Viertel. Für die 112 Gymnasialplätze gibt es
jährlich etwa 160 Anmeldungen. Auf dem Campus sind eine Grundschule,
eine Hauptschule, eine Realschule und ein Gymnasium verteilt. Die
Wichern-Schule nimmt Magersüchtige auf, Schüler mit psychischen
Störungen aus dem Universitätsklinikum Eppendorf. Sie ist eine
Privatschule, die sich sogar der Putzmann Samuel Opoku leisten kann.
Er zahlt pro Monat 80 Euro für seine drei Söhne.
Samuel Opoku hat
sich oft gefragt, warum die Nachbarn seine Begeisterung über diese
Schule nicht teilen. Wieso viele nicht einmal wissen, dass es sie
gibt, nur fünf Gehminuten von seinem Zuhause entfernt. Inzwischen
glaubt er die Antwort zu kennen: Die Wichern-Schule teilt nicht die
Kinder von Horn, sie teilt deren Eltern – in solche, die noch für
die Zukunft ihrer Töchter und Söhne kämpfen. Und in solche, die
das nicht mehr tun. Oder die nicht bereit sind, sich auf eine Schule
einzulassen, die ihnen etwas abverlangt, die etwas präsentiert,
woran es Deutschland so sehr fehlt: eine Haltung. »Discipline
and respect.«
So sieht es Samuel Opoku. Einmal in der Woche müssen alle Schüler
in die Andacht, auch die Muslime, Juden und Atheisten. Die Eltern
sollten das »in neutralem Wohlwollen« mittragen, sagt die
Direktorin. Mehr verlangt sie nicht, es solle ja jeder bei seinem
Glauben bleiben.
Doch so viel
Anpassung ist vielen schon zu viel.
Und die 80 Euro,
sagen Samuel Opokus Nachbarn, die könne er doch besser für später
anlegen. »So
do I«
, antwortet er dann, »mache ich doch.« Und seine Stimme bricht vor
Zorn.
Felix ahnt, dass
er und seine Brüder ihrem Vater etwas zurückzuzahlen haben. Nicht
die 80 Euro, sondern einen Lohn für 27 Jahre. »Man soll keine Fünf
haben«, sagt Felix, als sei es das elfte Gebot. Für ihn wiegt jede
Note schwerer als für die meisten Klassenkameraden. Denn sie
bewertet ihn nicht nur als Schüler, sondern auch als Sohn. »Ich
habe manchmal so ein komisches Schuldgefühl, weil meine Eltern
selber ja nicht glücklich sind.«
Wenn seine Brüder
bei den Hausaufgaben nicht weiterwissen, hilft Felix ihnen. Wenn er
selber nicht mehr weiterweiß, sucht er nach Antworten im Internet.
Sein kleines Zimmer sieht aus wie die Schlafstätte eines Arbeiters
auf Montage: ein Bett, ein Stuhl, ein Tisch, ein Kleiderschrank und
ein Poster der Fußballer von Arsenal London. Hier hat sich noch kein
Leben abgelagert, nichts, was schon in eine Richtung weisen würde.
Felix ist der Vorarbeiter seiner Brüder. Er wird ihnen den Weg
weisen, so oder so. Ob er scheitert oder siegt, für Godwin, Winfried
und Raphael ist er das Vorbild. Es ist, als habe er ein Ehrenamt
übernommen. Das des Integrationsbeauftragten der Familie Opoku.
Vor ein paar
Jahren, beim Fußball, stand es zur Halbzeit 0:6, und Haluk, der
türkische Torwart, ist damals einfach abgehauen. Da stellte sich
Felix zwischen die Pfosten. Ihm flogen die Bälle um die Ohren,
viermal musste er hinter sich greifen. Aber er ist im Tor geblieben,
bis heute.
Wenn Felix
nachmittags aus der Schule nach Hause kommt, sitzt der Vater oft auf
dem schwarzen Ledersofa, das zu groß wirkt für das kleine
Wohnzimmer. »Wie war es?«, fragt er dann. »Gibt es Neuigkeiten?
Tell
me!
«
Die Wohnung, in
der zunächst nur Unordnung und Enge zu erkennen waren, besteht bei
näherem Hinsehen aus Details, die leicht zu lesen sind. Das Bild vom
Abendmahl über dem Fernseher. Die Brockhaus-Bände in der Vitrine.
Und die einzigen gerahmten Bilder: Fotos der Söhne bei der
Einschulung. Urkunden, vom Leben verliehen.
Für einen
16-Jährigen wie Felix ist ein Vater kein unabänderliches
Naturphänomen mehr, sondern ein Mann, den ein Sohn irgendwann zu
hinterfragen beginnt. Bei Felix ist es noch ein stilles Staunen über
den Vater, der zu Hause so stark ist und draußen so schwach. Der ihm
das Leben erklärt, dem er aber Behördenbriefe übersetzen muss. Der
ihm sagt, dass er mehr lesen soll, aber bei der Interpretation des
Sandmanns
nicht helfen kann. Der ihm eine Freundin verbietet, aber immer noch
nicht den Genitiv beherrscht. Der wie ein Schatten durch die Stadt
huscht, in der seine Freunde shoppen gehen. Der ein Ausländer ist,
der seinen Sohn vor Ausländern warnt. Der sich mit jeder Mahnung, zu
lernen, um nicht so zu werden wie er, immer auch ein wenig selbst
erniedrigt. Und der, als die Familie im vergangenen Sommer nach Ghana
flog, noch mal ein anderer war: der erfolgreiche Samuel Opoku aus
Deutschland, der einen Container voller Geschenke vorausschickte für
die Onkel und Tanten, die Cousins und Cousinen in Berekum und Kumasi.
Einmal hat Samuel Opoku, der in Hamburg nur Bus und Bahn fährt,
sogar einen gebrauchten Opel nach Afrika verschiffen lassen.
»So viele
Geschenke. Das bin ich nicht gewohnt von meinen Eltern«, sagt Felix,
wenn sein Vater nicht mithört. »Ich glaube nicht, dass ich die
Kraft hätte, so zu leben wie er.«
Wenn seine Söhne
nicht mithören, sagt der Vater, wie stolz er auf sie ist. »Sie
haben Perspektive, sie haben Respekt. Noch nie stand ein Polizist vor
meiner Tür und hat gesagt: Mister Opoku, kommen Sie mal mit und
schauen sich an, was Ihr Sohn angestellt hat.«
Hin und wieder
überlegt Samuel Opoku, ganz bei sich, wie es wäre, nach Afrika
zurückzukehren. Nicht mehr zu putzen. Seit ein paar Jahren überweist
er Geld an seinen Bruder in Kumasi, der davon Orangenbäume kauft und
einen Hain anlegt. Es sind schon viele, doch die Bäume sind noch
nicht stark genug, um ihn daheim in Afrika zu tragen. »Ich glaube an
Gott«, sagt Samuel Opoku, »es ist sein Wille, dass ich immer noch
hier bin.« Auch in dieser Frage ist Gott Samuel Opokus Zuflucht. »Er
will, dass ich bleibe. If
my children are right here, so am I.
« Auch falls er, was sein eigenes Leben betrifft, vor 27 Jahren in
die falsche Richtung gelaufen sein sollte: Wenn er jetzt umkehrt,
wäre niemandem geholfen.
In der Kirche
finden die Opokus Worte, hier wird aus dem Putzmann ein tänzelnder
Herr
Wenn die Opokus
sonntags in die Kirche schreiten, vollzieht sich an den Eltern eine
wundersame Wandlung. Aus Samuel, dem Putzmann, wird ein tänzelnder
Herr im Anzug, seine vier gestriegelten Söhne im Gefolge. Mavis, 20
Jahre jünger als ihr Mann, trägt ein prächtiges Kleid in Grün,
Rot und Braun und ruft »hello!«
, »hello!«
, »hello!«
in die Bänke. All die Tage hat sie sich hinter einem Lächeln
versteckt, freundlich, aber undurchdringlich, dahinter verborgen die
Scham, auch nicht besser Deutsch zu sprechen als ihr Mann. In der
Kirche haben Felix’ Eltern Worte.
Mit dem 116er-Bus
sind sie von Hamburg-Horn nach Wandsbek gefahren, dort in den 8er
umgestiegen und weiter nach Bramfeld in den Norden der Stadt. Die
Busfahrpläne kleben an der Innenseite ihrer Wohnungstür, eine
Stunde dauert die Reise. In der evangelischen Thomaskirche, etwas
verloren am Rand eines Gewerbegebietes, hält die Presbyterian Church
of Ghana wöchentlich ihre Gottesdienste ab. Zweihundert Menschen
sind gekommen, alle schwarz, alle gut angezogen, geschmückt und
geschminkt. Die Männer klatschen sich ab wie Basketballstars, die
Frauen tragen Lipgloss, Nagellack und waghalsig hohe Schuhe, ihre
Absätze schlagen auf den steinernen Boden. Hinten im Kirchenschiff
verkeilen sich die Kinderwagen, vorn am Altar predigt Reverend
Ebenezer Kofi Decker, im vergangenen Jahr aus Accra entsandt, auf
Englisch und Twi. »Herrgott, wir danken Dir für jeden neuen Tag,
auch dafür, dass es jetzt wieder regnet.« Emmanuel Boakye, montags
bis samstags arbeitslos, sonntags Organist, holt weit aus, dann setzt
der Chor ein. Männer und Frauen klatschen, tanzen, singen. Oh,
Lord!
Die Gemeinde wogt drei Stunden lang.
Die Kinder sitzen
währenddessen im Pfarrhaus etwas gelangweilt bei einem kleinen
Gottesdienst – auf Deutsch, weil nicht mehr alle Twi verstehen.
Felix würde sonntags gerne mal etwas anderes unternehmen, vor allem
jetzt, da der Sommer naht. Ins Freibad gehen wie seine
Klassenkameraden. Die Mädchen im Bikini sehen. Felix sagt, er mag
besonders die weißen, die mit den langen, glatten braunen Haaren.
Wenn er mit seiner großen Sonnenbrille und seinen weiten Hosen in
die Schule kommt, sagen sie manchmal: »Du siehst aus wie P. Diddy.«
Das ist das größte Kompliment. Er könnte sich vorstellen, einmal
zwei Kinder zu haben, einen Jungen und ein Mädchen, ein deutsches
Leben in einem deutschen Haus. »Vielleicht gehe ich aber auch nach
Amerika. Ich weiß noch nicht.«
Seine Mutter
tanzt im Mittelgang der Kirche, mit einem Tuch wischt sie sich den
Schweiß von der Stirn. Sein Vater geht durch die Reihen und sammelt
Geld ein, er ist der Kassenwart der Gemeinde. Sein Anzug, ihr Kleid:
Sie erzählen, dass doch nicht alles gleich wichtig oder gleich
unwichtig ist. Dass es noch Gründe gibt, dem Leben hin und wieder
mit geputzten Schuhen gegenüberzutreten. Und womöglich wäre es
Samuel und Mavis Opoku leichter gefallen, in einem Land heimisch zu
werden, das es genauso hält. Das weiß, was ihm wichtig ist. Das
sich freuen und vielleicht sogar ein wenig selbst lieben kann. Seit
2002 hat Samuel Opoku einen deutschen Pass, aber seine emotionale
Staatsbürgerschaft ist nach wie vor ghanaisch. Wenn es um Fußball
geht, drückt er seine Daumen für Asante Kotoko, den Club der
Ashanti. Und noch nie in seinen 27 Jahren Hamburg war er an der
Nordsee.
Es wäre leicht,
zu sagen, dass sich Samuel Opoku auch nach so langer Zeit nicht
integriert hat. Er hat sich, fast ökonomisch, ausschließlich auf
die Bildung seiner Söhne konzentriert. Das klingt nach wenig. Aber
wenn Eltern stolz genug sind, die eigene Schwäche zu ertragen, und
wenn Söhne stark genug sind, nicht zu zerbrechen unter der
Erwartungslast der Eltern, dann ist das viel.
Dann ist das
mehr, als viele Deutsche leisten.
Am Nachmittag
fährt die Familie mit dem 8er-Bus durch die sonntagsleere Stadt nach
Hamburg-Wandsbek und von da aus mit dem 116er nach Hause, in ihren
Alltag aus Putzen und Lernen, der einige Tage später vom
Elternsprechtag in der Wichern-Schule durchbrochen wird. Felix und
sein Vater sollen um sieben Uhr abends bei Klassenlehrer Rengstorf
sein, die Mutter geht mit Godwin und Winfried. Im Treppenhaus des
Paulinums nimmt Felix gleich zwei Stufen. Sein Vater bleibt einige
Schritte zurück. Er ist jetzt wieder klein.
Aus den
Klassenzimmern ist das Gemurmel der Lehrer und Eltern zu hören,
bedeutungsschwer in der Stille einer leeren Schule. Die Tür zu Raum
P.05 steht offen. Rengstorf trägt wieder Jeans. Für ihn ist das
hier Alltag, für Samuel Opoku ist es alles. Zehn Minuten Schicksal.
Er hat wieder einen Anzug angezogen. Und gute Schuhe.
»Ah, Familie…
Opoku!«, ruft Rengstorf. Samuel Opoku gelingt ein heiseres »Guten
Tag«. Er setzt sich Rengstorf gegenüber und legt die Hände in den
Schoß.
Der Lehrer
blättert in einem Stapel Papier und sagt dann, Felix habe Probleme
mit der Pünktlichkeit. Da sei wohl morgens viel zu tun zu Hause.
Samuel Opoku schaut auf seine geputzten Schuhe. Felix fängt den
Blick des Lehrers auf. Dann ist es wie so oft, wenn Vater und Sohn
sich hinaus nach Deutschland begeben: Der Sohn wird zum Dolmetscher.
Jetzt übersetzt er in eigener Sache.
Beim
Elternsprechtag geht der Vater vor Demut rückwärts aus dem
Klassenzimmer
»Felix«, sagt
Rengstorf, »in Französisch und Biologie musst du kämpfen.«
»Ja. Da habe ich
die Arbeiten verhauen, Papa.«
Felix knetet die
Mütze durch, die er seit dem Morgen trägt. Er sollte von einer
dieser Fünfen runter, sagt Rengstorf, mündlich sei er da auf einem
guten Weg.
»Willst du noch
deine anderen Heldentaten wissen?«
»Okay.«
»In Geschichte
könntest du dich mehr zeigen. In Deutsch waren deine Arbeiten ganz
ordentlich. Politik machst du allerdings lieber. Religion auch. Alles
in allem wirst du wohl in die elfte Klasse versetzt werden.«
Dann blickt der
Lehrer Samuel Opoku an. »Herr Opoku, das heißt: Felix wird das
Abitur schaffen.«
Der Vater strafft
sich. Zweimal räuspert er sich die Aufregung aus der Kehle. »Aber
Biologie muss er kämpfen?«
»Ja. Bio ist
nicht sein Ding. Nicht wahr, Felix?«
Samuel Opoku
hört, wie Felix und der Lehrer klären, dass er in der Oberstufe
besser den Schwerpunkt »Erde –
Mensch «
wählen sollte. Geografie, nicht Biologie.
Samuel Opoku
nickt.
Sein Sohn wird
wohl kein Arzt werden, no
doctor
. Aber der Vater hat ein herrliches Wort gehört: »Abitur«. Ein
Wort, das bislang anderen vorbehalten war. Jenen, deren Schreibtische
er putzt und denen er die Kaffeetassen spült.
Als die zehn
Minuten um sind, geht Samuel Opoku rückwärts aus dem Klassenzimmer.
Draußen hat sich
der Abend auf die Stadt gelegt, in Hamburg-Horn breitet sich fast
feierliche Stille aus. Unter den Bäumen vor der Schule setzt sich
eine kleine Prozession in Gang. Samuel, Mavis, Felix, Godwin,
Winfried und Raphael Opoku auf ihrem Weg nach Hause. Der Vater geht
voran. Es ist kaum zu hören, aber er hat ein leises Summen auf den
Lippen.
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